Was hat Angst mit Solidarität zu tun?

Bereits in einem früheren Blogartikel wurde Angst als elementarer Bestandteil des Menschseins beschrieben. Angst sichert das Überleben und gehört zu den sieben Grundemotionen nach Paul Ekman 1. Sie kann sich auf Bedrohungen im Außen beziehen oder auch auf innere Prozesse, in verschiedenen Intensitäten auftreten und sich mit anderen Gefühlszuständen vermischen 2 3 . Prof. Dr. Hans-Jürgen Wirth (Professor für Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt) beschreibt in einem Artikel warum Menschen sich mit der Wahrnehmung abstrakter Gefahren (z.B. Atomkrieg) schwer tun, wie sich Angst im sozialen Miteinander auswirkt und in welchem Zusammenhang sie mit Solidarität steht 4.

Abstrakte Gefahren

Evolutionsbiologisch betrachtet dient Angst vor allem dazu, uns auf Gefahren in der näheren Umgebung aufmerksam zu machen und das Überleben zu sichern. Dabei geht es insbesondere um potentielle Gefahren, die wir mit unseren Sinnen erfassen (also z.B. sehen oder hören) können. Trotz der enormen Weiterentwicklung der Menschheit und der technologischen Möglichkeiten, funktioniert das menschliche Emotionssystem weiterhin grundsätzlich noch so wie vor tausenden von Jahren. Es ist auf den sozialen Nahbereich und sinnlich wahrnehmbare Gefahren ausgelegt (Wirth, 2025). Betrachtet man nun abstraktere Gefahren, wie Viren, Atomkriege oder schmelzende Polarkappen, also Gefahren die die Existenz der Menschheit als Gesamtes bedrohen, wird deutlich warum Menschen diese Gefahren emotional kaum greifen können. Um derartige Gefahren emotional erfassen zu können ist eine aktive Erweiterung der Vorstellungskraft und des Gefühlsraums notwendig. Erst eine emotionale Verarbeitung potentieller Gefahren ermöglicht eine aktive Reaktion.

Angst im sozialen Miteinander

Angst hat einen starken Signalcharakter („Gefahr! Reaktion erforderlich!“) und eine ebenfalls starke soziale Wirkung. Angstgefühle können von anderen Menschen wahrgenommen und übernommen werden (Wirth, 2025). Aus evolutionsbiologischer Sicht ist dieses Prinzip leicht nachvollziehbar und sinnvoll. Wenn Menschen eine Bedrohung oder Unsicherheit erleben, kann daraus ein Bedürfnis nach Nähe, Unterstützung und Zusammenhalt entstehen. Gemeinsame Sorgen können Menschen dazu bringen, sich zusammenzuschließen und füreinander einzustehen. Wirth beschreibt beispielsweise soziale Bewegungen und zivilgesellschaftliches Engagement als Möglichkeiten, Ängste in solidarisches Handeln zu kanalisieren. Solidarität und soziale Unterstützung können wie ein Puffer gegenüber Angst und Stress wirken. Wenn Menschen erleben, dass sie nicht allein sind, Unterstützung bekommen und auf andere vertrauen können, entsteht ein Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit und Zusammenhalt.

Allerdings kann Angst auch Solidarität verhindern und Menschen voneinander entfernen. Wird Angst sehr stark oder richtet sie sich auf eine vermeintliche Bedrohung, kann sie zu Abgrenzung und Misstrauen führen. Solidarität besteht dann zwar innerhalb der eigenen Gruppe (die eigene Gruppe wird geschützt), andere Menschen außerhalb der Gruppen werden jedoch als Bedrohung wahrgenommen und ausgegrenzt. Dieser Mechanismus kann nach Wirth (2025) manipulativ eingesetzt werden, um beispielsweise aus Eigeninteresse Ängste zu schüren und Gruppenprozesse zu beeinflussen.

Fazit

Angst und Solidarität sind eng miteinander verbunden. Solidarität, soziale Unterstützung und Anerkennung können dabei helfen, Ängste abzumildern, zu bewältigen und zu überwinden. Andererseits können Angst und Solidarität auch dazu instrumentalisiert werden Gruppenprozesse zu beeinflussen.

  1. Ekman, Paul (2016). Gefühle lesen: Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren. 2. Aufl. (Übersetzung: Susanne Kuhlmann-Krieg & Matthias Reiss). ↩︎
  2. Bude, H. (2014). Gesellschaft der Angst. Hamburg: Hamburger Edition. ↩︎
  3. Koch, L. (Hrsg.). (2013). Angst. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart/Weimar: Metzler. ↩︎
  4. Wirth, H.-J. (2025). Angst und Solidarität – Psychologische und gesellschaftliche Aspekte. Psychotherapeutenjournal. ↩︎

NEU

Unsere App: Ihr Begleiter für den Alltag

In unserer App finden Sie hilfreiche Übungen bei Anspannung, Angst und innerer Unruhe.

Nach oben scrollen